name: bewaehrung-56-stgb-positive-sozialprognose description: "Aussetzung der Vollstreckung zur Bewaehrung nach § 56 StGB. Voraussetzungen positive Sozialprognose Abs. 1 bis 1 Jahr; besondere Umstaende Abs. 2 bis 2 Jahre; Verteidigung der Rechtsordnung Abs. 3. Prognose-Faktoren Vorleben, soziale Bindungen, Reue, Wiedergutmachung, Therapiebereitschaft. Bewaeh..."
Strafaussetzung zur Bewaehrung — § 56 StGB
Arbeitsbereich
Aussetzung der Vollstreckung zur Bewaehrung nach § 56 StGB. Voraussetzungen positive Sozialprognose Abs. 1 bis 1 Jahr; besondere Umstaende Abs. 2 bis 2 Jahre; Verteidigung der Rechtsordnung Abs. 3. Prognose-Faktoren Vorleben, soziale Bindungen, Reue, Wiedergutmachung, Therapiebereitschaft. Bewaehrungszeit § 56a. Auflagen Weisungen. Schnittstelle 267 Abs. 3 StPO. Arbeite entlang dieser konkreten Prüfungslinie und trenne Rolle, Frist, Zuständigkeit, Beweislast und gewünschten Output.
Arbeitsweg
- Rolle, Ziel und gewünschtes Arbeitsprodukt klären: Wer handelt, welche Entscheidung steht an, welche Frist läuft und welcher Output wird gebraucht?
- Fristen und Eilrisiken zuerst markieren: nur die Fristen des konkreten Rechtsgebiets und der Akte verwenden; Widerspruch, Klage, Einspruch, Rechtsmittel, Verjährung, Verwirkung, Rüge-, Anzeige-, Anmelde- und Ausschlussfristen strikt trennen und nie aus einem anderen Fachgebiet übernehmen.
- Tragende Normen verifizieren: StGB §§ 13, 22, 23, 25, 32, 35, 46, 47, 56, 57, StPO §§ 100a, 102, 105, 112, 136, 137, 140, 147, 152, 153a, 244, 257c, 261, 264, 265, 267, 304, 341, 344, 349; § 56; § 49 Regelbeispiele besonders schwerer Fall Verstaendigung; § 257c StPO TOA; § 46a Gesamtstrafe; § 55 JGG — Fundstellen über gesetze-im-internet.de, dejure.org, openJur, BVerfG-/BGH-/EuGH-Datenbank live prüfen; keine Modellwissen-Zitate.
- Zuständige Stelle bestimmen und Adressaten richtig wählen: Mandant, Gegner, zuständige Behörde oder Gericht, Sachverständige, ggf. EU-/internationale Stelle (siehe Skill-Detail).
- Dokumente und Beweismittel sammeln und auf Lücken prüfen: Verwaltungsakte, Vertragsurkunden, Schriftsätze, Bescheide, Protokolle, Sachverständigengutachten und externe Beweismittel des Fachgebiets — fehlende Belege durch Akteneinsicht oder Rückfrage beim Mandanten beschaffen, Live-Check für tagesaktuelle Normänderungen und Verwaltungspraxis.
Worum geht es?
§ 56 StGB ermoeglicht, Freiheitsstrafen unter zwei Jahren zur Bewaehrung auszusetzen. Es ist die zentrale Weiche für das spaetere Verhalten des Verurteilten und das wichtigste Verteidigungs-Ziel bei Freiheitsstrafen nahe der Bewaehrungsschwelle.
Wann brauchen Sie diese Skill?
- Sie verteidigen gegen eine drohende Freiheitsstrafe und wollen Bewaehrung sichern.
- Sie strukturieren das Plaedoyer um die Sozialprognose.
- Sie prüfen ein Urteil ohne Bewaehrung auf Revisionsangriff.
- Sie planen die Bewaehrungsverhandlung mit dem Mandanten (Auflagen, Weisungen, Bewaehrungshelfer).
Rechtliche Grundlagen
- § 56 Abs. 1 StGB — Aussetzung von Strafe bis 1 Jahr bei positiver Sozialprognose: Es muss zu erwarten sein, dass der Verurteilte sich schon die Verurteilung zur Warnung dienen lassen wird und kuenftig auch ohne die Einwirkung des Strafvollzugs keine Straftaten mehr begehen wird.
- § 56 Abs. 2 StGB — Aussetzung von Strafe bis 2 Jahre nur bei besonderen Umstaenden in der Tat und in der Persoenlichkeit des Verurteilten.
- § 56 Abs. 3 StGB — Aussetzung kann versagt werden, wenn die Verteidigung der Rechtsordnung die Vollstreckung gebietet (Strafe von mindestens 6 Monaten).
- § 56a StGB — Bewaehrungszeit 2 bis 5 Jahre, mindestens 2 Jahre.
- § 56b, 56c StGB — Auflagen und Weisungen; vgl.
bewaehrung-auflagen-und-weisungen-56b-c-stgb. - § 56f StGB — Widerruf; vgl.
bewaehrungswiderruf-56f-stgb. - § 56g StGB — Erlass der Strafe nach Bewaehrungsablauf.
Strafzumessungs-Grundsatz
Bewaehrung ist Regelfall bei Strafe bis 1 Jahr, sofern Sozialprognose positiv ist. Bei Strafe bis 2 Jahre ist Bewaehrung Ausnahme; es müssen besondere Umstaende vorliegen.
Prognose-Faktoren (positiv)
- Persoenlichkeit: stabile Lebensfuehrung, keine Vorstrafen, sozial integriert.
- Vorleben: keine einschlaegigen Vorstrafen; lange straffreie Zeit.
- Tatumstaende: erstmaliger Verstoss, niedrige kriminelle Energie, Notlage.
- Verhalten nach der Tat: Reue, Gestaendnis, Schadenswiedergutmachung, TOA (§ 46a StGB), Therapie- oder Suchtberatung in Anspruch genommen.
- Soziale Bindungen: Familie, Beruf, fester Wohnsitz, Bindung an Kinder.
- Lebensplanung: Ausbildung, Arbeitsstelle, Aussicht auf Stabilitaet.
Prognose-Faktoren (negativ)
- Einschlaegige Vorbelastung, Wiederholungstaeter.
- Bewaehrungs-Versager in der Vorgeschichte.
- Aktuelle Sucht ohne Therapie.
- Tat in laufender Bewaehrung.
- Fehlende Einsicht oder Vermeidung von Auseinandersetzung.
"Besondere Umstaende" iSv § 56 Abs. 2 StGB
Bei Strafe über 1 bis 2 Jahre. Erforderlich sind Umstaende, die das Gewicht der drohenden Vollstreckung deutlich mindern. Typisch:
- Massive Tatfolgen schon beim Taeter (Behinderung, Verstuemmelung in Tatzusammenhang).
- Hohe Strafempfindlichkeit (Sucht-Therapieaufenthalt droht abzubrechen, schwere familiaere Belastung).
- Sehr lange Verfahrensdauer (Vollstreckungsmodell).
- Aussergewoehnliches Nachtatverhalten (komplette Wiedergutmachung, dauerhafte Therapie).
"Verteidigung der Rechtsordnung" iSv § 56 Abs. 3 StGB
Restriktive Auslegung der st. Rspr.: Nicht jede mediale Empoerung; erforderlich sind besondere Tatumstaende, die das Vertrauen der Allgemeinheit in die Geltung der Rechtsordnung beruehren. Aktenzeichen vor Zitat in dejure.org/openjur.de verifizieren.
Schritt-für-Schritt-Anleitung (Verteidigung)
- Strafmass-Schwelle im Blick: Ziel 11 Monate oder 1 Jahr 11 Monate, je nach Konstellation.
- Prognose-Vortrag vorbereiten: Beweise und Beleg sammeln (Arbeitsvertrag, Mietvertrag, Therapiebescheinigung, Schulbestaetigung).
- Sozialbericht der Bewaehrungshilfe anregen, wenn das hilft (§ 56d StGB Bewaehrungshelfer; auch vorab anhoerend).
- Konkret beantragen: "Wir beantragen, die Strafe nach § 56 Abs. [1/2] StGB zur Bewaehrung auszusetzen. Sozialprognose ist positiv, weil [...]."
- Auflagenangebote vorbereiten (Zahlung an gemeinnuetzige Einrichtung, Therapie, Wiedergutmachung); vgl.
bewaehrung-auflagen-und-weisungen-56b-c-stgb. - Hilfsweise Reststrafenaussetzung nach § 57 StGB ansprechen, falls Bewaehrung in erster Instanz nicht zugesprochen wird.
Schritt-für-Schritt-Anleitung (Anklage)
- Bei Strafantrag ohne Bewaehrung: konkrete Begruendung, warum Sozialprognose negativ ist.
- Bei Strafe über 1 Jahr und bis 2 Jahre Bewaehrung: konkrete Begruendung, warum keine besonderen Umstaende vorliegen.
- "Verteidigung der Rechtsordnung" sparsam und nur bei konkreten Anhaltspunkten.
Begruendungspflicht des Gerichts
Wird Bewaehrung versagt, muss das Urteil im Strafzumessungsteil konkret darlegen, warum die Sozialprognose negativ ist (§ 267 Abs. 3 Satz 4 StPO). Pauschale Wendungen reichen nicht.
Typische Fehler
- Pauschale Prognose ohne Tatsachenbasis (Verteidigung wie Gericht).
- Bewaehrung bei Strafe über 2 Jahren beantragt: rechtlich ausgeschlossen.
- Auflagen/Weisungen im Bewaehrungsbeschluss nicht ausdifferenziert: Mandant uebersieht Risiko des Widerrufs.
- Sucht ohne Therapie: Bewaehrung ohne stoffspezifische Therapieweisung ist riskant.
- Verfahrensdauer-Kompensation vergessen.
Quellen und Stand 05/2026
- §§ 56, 56a-g, 57, 57a StGB in der geltenden Fassung.
- § 267 Abs. 3 Satz 4 StPO.
- BGH-Linie zu "Verteidigung der Rechtsordnung" — Aktenzeichen in dejure.org/openjur.de verifizieren.
- Quellenregel: vgl.
references/zitierweise.md.
Normen und Rechtsprechung
Kuratierte Normen-Bibliothek
- § 46 StGB
- § 49 StGB
- § 55 JGG
- § 55 StGB
- § 56 StGB
- § 46a StGB
- § 40 StGB
- § 47 StGB
- § 56f StGB
- § 54 StGB
- § 57 StGB
- § 105 JGG
Leitentscheidungen
- BVerfGE Band 6 Rn 32 (Lüth, Drittwirkung der Grundrechte)
- BVerwG 6 C 12.21 (Maßstab Verwaltungsentscheidung)
- BGH GSZ 1/14 (richterliche Rechtsfortbildung)