name: fue-definition-frascati-abgrenzung description: "FuE-Definition für die Forschungszulage praxisnah prüfen: Grundlagenforschung, industrielle Forschung, experimentelle Entwicklung, Frascati-Kriterien (Neuheit, Schöpferisch, Ungewissheit, Systematik, Reproduzierbarkeit), AGVO-Definitionen, Abgrenzung zu Routineentwicklung, Customizing, Bugfixing..."
FuE-Definition und Abgrenzung nach Frascati
Worum geht es
Die BSFZ entscheidet, ob ein Vorhaben Forschung und Entwicklung im Sinne des FZulG ist. Sie wendet die Definitionen der AGVO (Art. 2 Nr. 84 bis 86) an, die wiederum auf dem OECD-Frascati-Handbuch beruhen. Liefere die Frascati-Kriterien praxisnah, Abgrenzungsfälle, Software-Spezifika und Mustersätze für die Projektbeschreibung.
Wann dieses Modul hilft
- Vor dem Schreiben einer BSFZ-Projektbeschreibung, wenn unklar ist, ob das Vorhaben förderfähig ist.
- Bei Streit Auftraggeber-Auftragnehmer: was darf als FuE-Anteil angesetzt werden?
- Bei BSFZ-Rückfrage zur FuE-Eigenschaft.
- Bei Software-Vorhaben, weil Abgrenzung dort am schwierigsten ist.
Die fünf Frascati-Kriterien
Ein Vorhaben gilt als FuE, wenn es kumulativ:
- Neuartig (novel) ist — neuer Erkenntnisgewinn, keine bloße Anwendung bekannten Wissens.
- Schöpferisch (creative) ist — nicht-triviale konzeptionelle Eigenleistung.
- Ungewiss (uncertain) im Ergebnis ist — technisches Scheitern ist denkbar, Lösungsweg nicht determiniert.
- Systematisch (systematic) durchgeführt wird — geplant, dokumentiert, mit Arbeitspaketen.
- Übertragbar/Reproduzierbar (transferable, reproducible) ist — andere Fachleute könnten die Ergebnisse nachvollziehen.
Die BSFZ verlangt nicht jedes Kriterium gleich stark, aber die Trias Neuheit + Ungewissheit + Systematik muss klar erkennbar sein.
Sachrahmen: drei FuE-Kategorien
- Grundlagenforschung (Art. 2 Nr. 84 AGVO): Erkenntnisgewinn ohne unmittelbare praktische Anwendung. Selten in der mittelständischen Praxis.
- Industrielle Forschung (Art. 2 Nr. 85 AGVO): Erkenntnisgewinn für neue Produkte, Verfahren oder Dienstleistungen.
- Experimentelle Entwicklung (Art. 2 Nr. 86 AGVO): Anwendung von Erkenntnissen für Prototypen, Demonstratoren, Pilotprodukte — ohne kommerzielle Serienreife.
In der Mittelstandspraxis dominieren Punkt 2 und Punkt 3.
Praxisleitfaden — die Abgrenzungsfälle der alten Hasen
Was schnell durchgeht
- Algorithmus erreicht Zielgenauigkeit nicht mit bekannten Verfahren. Konkret: Erkennungsrate, Latenz, Energiebudget. Beispiel: "Stand der Technik liefert 87 Prozent Erkennungsrate bei [Klasse], Zielwert 95 Prozent ist mit bestehenden Verfahren nicht erreichbar."
- Material-/Prozessparameter sind unklar. Beispiel: neue Legierung, neuer Sinterprozess, unklare Festigkeit unter Wärmebelastung.
- Prototyp scheitert an Skalierung. Beispiel: Laborprozess funktioniert bei 5 Liter, bei 5000 Liter unklar.
- Konstruktion mit echter Funktionsneuheit. Nicht: ein Bauteil größer dimensionieren. Doch: ein Bauteil mit Funktion XY, die so nicht existiert.
Was die BSFZ-Prüfer triggert (rote Flaggen)
- "Innovative Plattform" ohne erklärten technischen Inhalt.
- "KI-basiert" ohne ML-Konzept, ohne Datenmenge, ohne Trainingsproblem.
- "Industrie 4.0" als Schlagwort, statt konkret zu beschreiben, welche Steuerungs- oder Sensorprobleme gelöst werden.
- Fehlende Abgrenzung zu Routine. Wenn die Projektbeschreibung das Serienpflege-/Wartungs-Konzept und das FuE-Vorhaben vermischt, hagelt es Rückfragen.
- Lastenheft mit Anforderungs-Liste statt FuE-Vorgehen. "Soll X können, soll Y unterstützen" ist Kundenmanagement, keine Forschung.
- Marketing-Sprache. "Disruptive Lösung", "smart", "next-generation" — sofort streichen.
Rote Flaggen — Anti-Pattern, die wir oft sehen
- Reines Customizing einer Standard-Software (SAP, Salesforce, AX).
- Routine-Bugfixing, auch wenn es lange dauert.
- Lieferantenwechsel ohne technischen Erkenntnisgewinn.
- Serienpflege, Dokumentation, Schulung, Vertriebsmaterial.
- "Wir haben das noch nie gemacht" als einzige Begründung für Neuheit (Maßstab ist objektiver Stand der Technik, nicht der hauseigene).
- Migration einer Anwendung auf eine andere Datenbank/Cloud.
- UI-Refactor, Style-Update, neue Frontend-Library.
Software-Spezifika (häufiges Streitfeld)
- Förderfähig: neuer Algorithmus, neues Datenmodell, neuartige Optimierungstechnik, neues ML-Verfahren mit eigenem Trainings- oder Architekturkonzept, eigene Inferenz-Beschleunigung.
- Nicht förderfähig: Wechsel auf eine neue UI-Bibliothek (React/Vue/Angular), Migration der Build-Pipeline, Refactoring zur Wartbarkeit, Standard-Cloud-Migration.
- Grenzfall: neues Architekturkonzept (z. B. Event-Sourcing, CQRS) — nur förderfähig, wenn dadurch ein konkretes technisches Problem gelöst wird, das mit klassischer Architektur nicht lösbar wäre.
Trade-off-Matrix
| Trade-off | Pfad A | Pfad B | Empfehlung |
|---|---|---|---|
| Gesamtprojekt vs. FuE-Anteil | gesamtes Projekt einreichen | nur FuE-Anteile separieren | nur FuE-Anteile, sauber abgegrenzt |
| Routine + FuE in einem Antrag | gemeinsam | getrennt | getrennt, sonst gefährdet Routine die ganze BSFZ |
| Konservative Beschreibung vs. großzügig | kleinere Förderung, sichere BSFZ | mehr Förderung, höheres Ablehnungsrisiko | konservativ beim Erstantrag |
Schritt für Schritt — FuE-Memo erstellen
- Vorhaben in einem Satz beschreiben (nicht Produkt, sondern Problem).
- Stand der Technik mit zwei oder drei konkreten Quellen benennen (Norm, Publikation, Patent, Wettbewerbsprodukt).
- Neuheit gegenüber Stand der Technik herausarbeiten.
- Technische Unsicherheit nennen: was kann scheitern, woran erkennen Sie das?
- Systematischen Lösungsweg in Arbeitspaketen.
- Routine-Anteile offen benennen und herausrechnen.
- Frascati-Kriterien einzeln durchgehen und je Kriterium ein bis zwei Sätze formulieren.
Mustertexte für die BSFZ-Projektbeschreibung
Ausgangsproblem:
"Im Bereich [Domäne] erreicht der bestehende Stand der Technik (siehe [Quelle 1, Quelle 2]) eine [Messgröße] von [Wert]. Für [Zielanwendung] ist ein Wert von mindestens [Zielwert] erforderlich. Mit bekannten Verfahren ist diese Schwelle nach unseren Voruntersuchungen nicht erreichbar."
Neuheit:
"Wir untersuchen [konkretes Verfahren / konkrete Architektur]. Im Unterschied zum Stand der Technik kombinieren wir [A] mit [B] — diese Kombination ist nach unserem Kenntnisstand bislang nicht veröffentlicht."
Technische Unsicherheit:
"Es ist offen, ob [Bedingung X] unter [Randbedingung Y] erreicht werden kann. Insbesondere [konkrete Hürde, z. B. Konvergenz, Festigkeit, Latenz] kann zum Scheitern führen. Vergleichbare Vorhaben in der Literatur scheiterten an [Bezug]."
Systematisches Vorgehen:
"Das Vorhaben gliedert sich in Arbeitspakete (siehe Tabelle). Jedes Arbeitspaket schließt mit einem definierten Meilenstein und Erfolgskriterium. Negative Ergebnisse werden dokumentiert; bei Abbruchkriterien wird ein Decision-Gate ausgelöst."
Typische Fehler
- "Wir entwickeln eine moderne Plattform für ..." — Marketing, keine FuE.
- "Wir verwenden KI, um ..." — was ist das ML-Konzept? Trainingsdaten? Erfolgsmaß?
- "Innovativ" als Adjektiv, nirgends operationalisiert.
- Stand der Technik nicht zitiert.
- Risiko nur generisch ("Risiken bestehen").
Quellen Stand 05/2026
- AGVO Verordnung (EU) 651/2014, Art. 2 Nr. 84 bis 86 (vom Antragsteller mit konsolidierter Fassung zu prüfen).
- OECD Frascati-Handbuch (Frascati Manual 2015).
- BSFZ-Hilfen zur Antragstellung: https://www.bescheinigung-forschungszulage.de/hilfen-zur-antragstellung
- FZulG: https://www.gesetze-im-internet.de/fzulg/